Extrusion 6-2019

„Kunststoffe sind oft die nachhaltigere Alternative“ Warum begrüßen Kunststoffherstel- ler die Kreislaufwirtschaft? Alfred Stern : Für unsere Branche bricht eine neue Ära an. Je früher wir uns auf eine echte Kreislaufwirtschaft einstellen, desto positiver wird sich das auf unser wirtschaftliches Wachstum, auf die Um- welt, auf unsere Kunden und auf die ge- samte Gesellschaft auswirken. Wir sehen die Kreislaufwirtschaft auch als Ge- schäftschance, wir erwarten ein Wachs- tum des Marktes für rezyklierte Polyolefi- ne. Kunststoffe sind zu wertvoll, um weggeworfen zu werden, davon sind wir bei Borealis überzeugt. Unsere Vision ist, dass es keinen Kunststoffmüll mehr gibt und dass Kunststoff als Rohstoff wieder- verwendet wird. Öl gilt als endliches Gut. Die Progno- sen über Peak Oil gehen zwar aus- einander, aber ein Ende sagen viele voraus. Ist die Kreislaufwirtschaft für Kunststoffe vor diesem Hintergrund ein Beispiel für vorausschauendes Wirtschaften? Stern : Die Steinzeit wurde nicht von der Metallzeit abgelöst, weil unseren Vorfah- ren die Steine ausgingen, sondern weil neue und bessere Lösungen gefunden wurden. Ähnlich ist es beim Öl: Mit im- mer höherem Aufwand werden wir der Erde noch lange Öl abringen können, aber zu einem gewissen Zeitpunkt wird sich das nicht mehr auszahlen, weil dann hoffentlich bessere, einfachere und nachhaltigere Lösungen zur Verfügung stehen werden. Bis dahin ist es wichtig, aus Öl möglichst vernünftige Dinge zu machen – etwa Kunststoffprodukte, die am Ende ihrer Nutzungsphase rezykliert werden können. Unser großer Fokus liegt auf der Etablierung einer echten Kreislaufwirtschaft. 48 Kreislaufwirtschaft – Interview Extrusion 6/2019 Immer wieder werden Forderungen laut, Kunststoffe durch andere Mate- rialien zu ersetzen. Zuletzt etwa beim Materialienersatz bei Trinkhal- men. Ist das sinnvoll? Stern : Da habe ich einen ganz pragmati- schen Zugang: Kunststoff sollte dort ein- gesetzt werden, wo er eindeutig besser ist als andere Werkstoffe. Und es steht fest, dass Kunststoffe in vielen Bereichen des täglichen Lebens die nachhaltigere Alternative sind, etwa im Automobil-Be- reich, wo durch den Leichtbau Kunst- stoffe einen wesentlichen Beitrag zur Treibstoffreduktion liefern. Oder im me- dizinischen Bereich, dort gibt es zu Blut- konserven- und Infusionsbeuteln aus ste- rilem Kunststoff kaum sinnvolle Alterna- tiven. Und auch im Bereich der Lebens- mittelverpackungen helfen Kunststoffe, unsere Lebensmittel länger frisch und hy- gienisch zu halten. Die meisten alternati- ven Materialien sind wesentlich schwerer und verursachen daher höhere Umwelt- belastung beim Transport, oder sie kön- nen nicht die gleiche Funktion im Hin- blick auf Dampf- oder Sauerstoffbarriere erfüllen. Die Nachhaltigkeit sollte ein we- sentliches Kriterium bei der Wahl des richtigen Materials sein. Vonseiten von Plastics Europe heißt es, Kreislaufwirtschaft biete auch eine Möglichkeit, Europas Wettbe- werbsfähigkeit und Ressourceneffi- zienz zu verbessern. Wie könnte das gehen? Stern : Die Kreislaufwirtschaft bietet die Möglichkeit, die Ressourceneffizienz zu verbessern, wenn Rohstoffe und Mate- rialien bestmöglich eingesetzt werden und am Ende ihrer Lebensdauer im Kreis- lauf bleiben. Die Weltbevölkerung wächst kontinuierlich, und erfreulicher- weise steigen auch die verfügbaren Ein- kommen. Damit wird der Bedarf an Werkstoffen im Allgemeinen und an Kunststoffen im Speziellen weiterhin steigen. Wenn das aktuelle lineare Wirt- schaftsmodell bestehen bleibt, dann wird dies zu mehr Abfall führen, unab- hängig vom Werkstoff, der eingesetzt wird. Die Lösung liegt im Wechsel zu ei- ner Kreislaufwirtschaft, die gleichzeitig auch die Verbrauchsreduktion von Pri- mär-Rohstoffen und damit auch die Sen- kung der CO 2 Emissionen ermöglicht. Kunststoffe sind dabei in den meisten Anwendungen die ökoeffizientesten Werkstoffe. Welche Rahmenbedingungen müsste die Politik in der EU setzen, damit die Kreislaufwirtschaft für Kunststof- fe auch wirtschaftlich funktioniert? Stern : Verbote tragen nicht zu einer nachhaltigen Lösung bei, sie sind im Ge- genteil eher hinderlich für das Entstehen von Innovation. Besser ist es, die langfri- stigen Ziele konkret vorzugeben, den Weg zu diesen Zielen aber offen zu las- Interview mit Alfred Stern, CEO der Borealis AG

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